Berlin, 10.12.2010
DVD zur Welturaufführung von Gustav Mahler 10. Symphonie, Rekonstruktion und Weiterentwicklung der unvollendeten Skizzen von Yoel Gamzou
Auftraggeber: Yoel Gamzou (Artistic Director), Berlin

Ohne Worte, nur Musik.

www.gamzou.com
www.internationalmahlerorchestra.com
www.folipro-berlin.de



YOEL GAMZOU ÜBER SEINEN WEG

Nach Jahren einer tief greifenden Faszination und engen emotionalen Bindung zu Mahlers Musik, insbesondere der 10. Symphonie, begann ich 2003 meine Recherchen an diesem rätselhaften Werk. Die mysteriöse Aura dieses unvollendeten letzen Meisterwerks hat mich fasziniert, fast hypnotisiert – und damit kam die Erkenntnis, dass dies Mahlers einzigartigste und weitreichendste musikalische Ausführung ist – jenseits von allem, was wir bisher gehört haben.

Bald wurde mir bewusst, dass es mehrere vollendete Versionen gab und wie selbstverständlich fand ich eine Abschrift der ersten bahnbrechenden Version von Deryck Cooke, ohne den die 10. Symphonie vielleicht immer noch in irgendeinem Archiv herumliegen würde, unberührt und weit entfernt davon, entschlüsselt zu werden. Das Potential dieser Skizzen war für mich innerhalb von Sekunden offensichtlich – nicht nur ein »Skelett von Ideen«, sondern, meiner Meinung nach, einem essentiellen Beispiel größter musikalischen Ausdrucks- wie Schaffenskraft, der ich je begegnet bin, ebenso wie die ersten Schritte in die Post-Tonalität. Sobald ich begann andere Versionen kennen zu lernen, ging damit eine enttäuschende Unzufriedenheit mit allen einher – das Gefühl, dass dort etwas Gravierendes fehlt – als ob keiner aus den Skizzen das Maximum herausgeholt hätte, welches der Musik gerecht geworden wäre und sich außerdem soweit es eben ging an Mahlers Intentionen gehalten hätte.

2004 ermutigten mich mein Lehrer und Kollege Winston Dan Vogel und ein paar Monate später auch mein verstorbener Mentor Carlo Maria Giulini, sowie mein wachsendes Verlangen, die 10. endlich in all ihrer Grandeur zu hören, die monumentale Aufgabe zu übernehmen, eine neue Version von Mahlers 10. Symphonie zu schreiben. Eine Herausforderung, die ich sowohl mit großer Angst, als auch mit großem Enthusiasmus anging. Hierbei muss ich betonen und darauf bestehen, dass ich sicher nicht »besser« bin, als alle anderen geschätzten und fähigen Personen, die bereits versucht haben, die Gipfel vor mir zu erklimmen. Aber ich hoffe, dass die Verbindung meiner Annäherung, welche in vielerlei Hinsicht anders als die meiner Vorgänger ist, gemeinsam mit den zusätzlichen Entwürfen, welche seit dem ersten Versuch gefunden wurden, eine Version hervorbringen zu können, die näher an das Potential dieses außerordentlichen und tragischen Meisterwerks heranreichen kann.

Tatsächlich, realisierte ich erst mit dem Fortschreiten meiner Arbeit ganz, was für eine kolossale Aufgabe ich vor mir hatte und was für eine Verantwortung auf meinen Schultern lag. Außerdem hat das Stück langsam mein Leben übernommen, bis hin zu dem Moment in dem ich gerade bin. Dadurch fühle ich, dass die Vollendung und Realisation dieses Werks in seiner größten Schönheit meine Mission und meine Berufung im Leben sind, mit der ich dem Komponisten wie auch dem Werk gerecht werden möchte.

Es ist notwendig zu erwähnen, dass die Beschaffenheit des vorliegenden Werks aus vielen verschiedenen Herausforderungen besteht, welche völlig verschiedene Prozesse und gegensätzliche Komplikationen beinhalten. Wie wir wissen, ist der Mythos, dass die Symphonie in einer so genannten »Horizontalen« (z.B. im thematischen Inhalt) vollendet werden soll, absurd. Mahler hat die Entwürfe der gesamten Symphonie fertig gestellt, chronologisch besehen, und dort gibt es nicht einen Takt, der kein Material jeglicher Art enthält; man »komponiert« das Werk nicht weiter, sondern vervollkommnet und erfasst es. Das Problem ist natürlich, dass verschiedene Passagen und Sätze unterschiedlich weit komponiert wurden. So ist beispielsweise die Herausforderung beim ersten Satz (Adagio) ganz anders als beim Finale. Das Adagio hat zahlreiche Schichten von Entwürfen, einschließlich eine gut ausgearbeitete Partitur Entwurf, während vom Finale nur ein einziger Entwurf vorliegt, in »Particell«, die teilweise kaum eine Melodie mit einer sehr sporadischen harmonischen Grundlage beziehungsweise noch weniger, hat.

Genau an diesem Punkt muss der Bearbeiter eine der wichtigsten Entscheidungen treffen: zielt man auf eine »authentische« Version ab oder eher auf eine musikalische Ausführung, die dem Genie hinter dem Entwurf gerecht wird? Natürlich impliziert diese Frage, dass keine Version beide Ziele erfüllen oder dass keine authentische Version der Musik gerecht werden kann. Das ist unzweifelhaft der Fall, wenn man Mahlers Gewohnheiten beim Komponieren bedenkt. Einem Komponisten, der seine Stücke wieder und wieder überarbeitete bevor er sie als fertig erachtete – nicht zu vergessen, die vielen Änderungen nach jeder Aufführung – kann man in einem Stadium, in dem nur Entwürfe vorliegen, nicht gerecht werden, wenn man Mahler »Eins zu Eins« nimmt.

Ich glaube stark daran, dass sogar das Adagio, von dem viele fälschlicherweise denken, es sei vollendet, überarbeitet werden muss und nicht darauf beschränkt werden darf, »den Entwurf zur Ausführung zu bringen«, wie Erwin Ratz in seiner IGMG Version behauptet hat. Das Adagio sollte eher zu einem Stand gebracht werden, welche Mahlers letzte musikalische Aussage nicht wie ein Experiment oder ein unterentwickeltes Wesen klingen lassen soll, auch wenn diese nie zu 100 Prozent dem Original gleichen wird. Das bedeutet nicht, dass willkürliche Ergänzungen gemacht werden müssen – wie in jedem künstlerischen Prozess, ist der Schlüssel zu dieser Arbeit, Balance und Maß. Nur so findet man das richtige Ausmaß an Hinzufügungen und das exakte Maß an Einschränkungen, um dem allgemeinen Konzept des Satzes und des geschriebenen Entwurfs zu entsprechen und ihn trotzdem in einen wahrhaft »aufführbaren« Zustand zu bringen.

Der größte und vermutlich entscheidende Unterschied zwischen meiner Version und den bereits existierenden Ausführungen, ist der »Raison-d’etre«, der Daseinszweck dahinter und die grundsätzliche Denkweise zur Annäherung im Arbeitsprozess. Diese Symphonie wurde von vielen verschiedenen Personen »vollendet«, die alle unglaublich fähig und erfahren sind. Für einen Mann meines Alters wäre es unangemessen und anmaßend zu behaupten, größeres Wissen als einige dieser Menschen zu haben, die jahrzehntelange Erfahrung hatten, als sie diese Reise begannen. Allerdings ist es so, dass ich meine Version auf einer völlig anderen Basis aufgebaut habe, nämlich vom Standpunkt eines Musikers und nicht aus der eines Musikwissenschaftlers. Ich glaube, dass genau dies der Punkt ist, an dem meine Vorgänger sich getäuscht haben. Eine Symphonie sollte nicht wie ein musikwissenschaftliches Experiment klingen, sondern eher ein überzeugendes musikalisches Statement sein. Die Öffentlichkeit, die sich das Stück anhören wird, ist nicht an einer musikwissenschaftlichen These oder Forschungen interessiert, sondern an einem ästhetischen und emotionalen Erlebnis, währenddessen sie nicht herausfinden wollen, warum eine Passage so oder so klingt und wie viel Prozent davon Mahler zugeschrieben werden können oder was Mahler genau ist. Eine musikalische Aufführung ist keine Vorlesung und daher sollte ein Konzert von der 10. so wie jedes andere Konzert erlebt werden können, egal wie komplex der Hintergrund des Stückes ist. Alle unterstützenden Informationen können und sollten geliefert werden und viele Erklärungen können vorher oder hinterher abgegeben werden – aber wir haben nicht das Recht, etwas »Erklärendes« als Kunstwerk zu bezeichnen. In diesem Fall bin ich demütig der Meinung, dass es weit besser ist, etwas zu präsentieren, was nicht 100 Prozent Mahler ist (was ohnehin hier immer nur der Fall sein kann), als ein möglichst authentisches Zerrbild einer Symphonie.

Die schwierige Seite dieser widersprüchlichen Aussage ist natürlich die enorme Verantwortung, die auf den Schultern eines jeden Bearbeiters liegt, weil die Leute schlussendlich nicht kommen, um eine Symphonie »des Bearbeiters«, die »von Mahler inspiriert« ist zu hören, sondern eine Symphonie VON Mahler. Und tatsächlich ist ja auch Mahlers Name auf das Programmheft gedruckt. Diese Verantwortung ist ganz erheblich, wenn einer an der Arbeit eines Genies – größer, als wir alle – herumbastelt und seine eigene Beurteilung, zu einem gewissen Ausmaß, als »Wunsch des Komponisten« deklariert. Das vergrößert nur die Komplexität und Konsequenz der vorliegenden Arbeit und daher glaube ich, dass man nur mit der oben genannten Geisteshaltung ein Stück bilden kann, welches dem musikalischen Erlebnis der Musik von Mahler nahe kommt.

In Fortführung des oben Genannten, würde ich gerne hinzufügen, dass aus genau diesen Gründen ein Dirigent oder darstellender Musiker dieser Aufgabe besser gewachsen ist, als ein Musikwissenschaftler – egal wie erfahren oder sachkundig er ist. Obschon ich hoffe, dass ich mein musikwissenschaftliches Wissen, so bescheiden es auch sein mag, in diese Fassung eingebracht habe, wurde doch ein größeres Gewicht auf die Intuition und die tiefe Verbindung zu Gustav Mahlers Musik gelegt. So habe ich versucht, es so »Mahlerisch« wie möglich klingen zu lassen, Muster, Stile und Tendenzen benutzt, die typisch für den späten Mahler-Stil bei seinen späteren Orchestrierungs- und Kompositions-Prozessen sind. Werte wie »Intuition« mögen von vielen stirnrunzelnd betrachtet werden, aber ich glaube, dass Mahler selbst seine Musik nicht durch eine rein rationale Annäherung erschaffen hat. Daher denke ich, dass eine ähnliche Denkweise angewendet werden muss, um eine überzeugende musikalische Erzählung nachzuvollziehen.

Dennoch kann jemand gewisse Entscheidungen damit erklären, dass er Quellen, Wahrscheinlichkeiten, Statistik, etc. analysiert; am Ende des Tages jedoch wird uns der »Hörtest« sagen, ob dies eine gute Entscheidung war oder nicht. Ich bin überzeugt, das bisher viel zu viel Wert darauf gelegt wurde, die »richtige« statt die »beste« Lösung zu finden, wenn ich das in so einfachen Worten formulieren darf. Daher hoffe ich, dass meine Intuition, die auf einer völligen Hingabe zu Mahlers Musik beruht und den Jahren, die ich seiner Arbeit gewidmet habe, mich zu den Entscheidungen geführt hat, den Zuhörer einer Mahlerschen Erfahrung so nah wie nur irgend möglich bringt.

Ich habe jede mögliche Anstrengung unternommen, um alle existierenden Quellen zu konsultieren – inklusive aller Seiten, die kürzlich wieder aufgetaucht sind und vorherigen Bearbeitern nicht zugänglich waren, jedoch Licht auf einige diskussionswürdige Themen warfen und viel Neues hervorbrachten. Nichtsdestotrotz habe ich es mir zur Regel gemacht, während meiner Arbeit an dem Stück keine bereits existierenden Versionen zu lesen, da ich nicht davon beeinflusst werden wolle, was bei den meisten meiner Vorgänger der Fall war. Diese sehr strikte ethische Vorgabe hat mich durch die Jahre der Arbeit an der 10. geführt und ich hoffe wahrhaft, dass theoretische folgende Verfasser eine ähnliche Arbeitsweise haben werden.

Die 10. Symphonie hatte eine starke Bedeutung für Mahler und wurde in der turbulentesten und tragischsten Zeit seines Lebens komponiert. Er begann die ersten beiden Sätze (TEIL 1) zu Beginn des Sommers 1910 und entdeckte bald danach, dass seine Frau Alma eine Affäre mit dem Architekten Walter Gropius hatte. Mahler, der, trotz der komplexen Beziehung, sehr eng mit seiner Frau verbunden war, war am Boden zerstört. Dies, gemeinsam mit seiner zunehmend tragischen Geistesverfassung nach dem Tod seiner ersten Tochter und dem unerfreulichen Abschied von Wien, brachte ihn in einen grauenvollen Zustand, der sicher stark in den Charakter der 10. einfloss. Dennoch sollte man absolut vermeiden, sein Stück als Programmmusik zu behandeln und in die verlockende Falle zu tappen, der Mahler sich so stark widersetzte, »Titel« oder »Beschreibungen« einer Musik hinzuzufügen, bei der er darauf bestand sie abstrakt zu halten. Allerdings hat Mahler einige Kommentare im gesamten Manuskript (der 10.) verteilt, was sehr untypisch ist und stark in der Aussage. Ich hänge diese an das Ende dieses Textes und überlasse es Ihnen, sie zu interpretieren.

Das Konzert präsentiert Ihnen den Höhepunkt von sieben Jahren Arbeit und tatsächlich, die Früchte meines Lebenswerks. Die emotionale Bedeutung ist nichts, was ich in Worte fassen könnte – es bedeutet für mich mehr als alles, was ich angemessen formulieren könnte. Ich fühle, dass die anständige Vollendung der Symphonie meine Mission auf dieser Erde ist und dass ich diese Mission heute erneut erfüllt habe.

Es ist schwer, auch nur zu versuchen, die unglaubliche Liste von Menschen niederzuschreiben, denen ich danken möchte – eine große Anzahl an Freunden, Familienmitgliedern, Kollegen und Fremden, die mir immer geholfen und mich bei meiner Aufgabe unterstützt haben. Ohne ihre Hilfe wäre ich nie so weit gekommen oder hätte die anfängliche Skepsis derer überlebt, die dann meine größten Unterstützer wurden.

Als Erstes möchte ich meine tiefe Dankbarkeit gegenüber Frans Bouwman ausdrücken, der größte lebende Experte zu Mahlers 10. Symphonie, der mich mit bemerkenswerter Hingabe und Loyalität über all die Jahre begleitet und unterstützt hat. Er hat mir mit Material, Ratschlägen und Ideen geholfen und in der Endphase alle Proben begleitet und kommentiert. Aber mehr als alles andere, glaubte er an mich von Anfang an, als jeder andere noch sagte »Mahler ist nur für alte Leute«. Bouwmann leitet seit vielen Jahrzehnten das wichtigsten Projekt in der Geschichte von Mahlers 10. Symphonie: ein exakter, chronologisch sortierter »Urtext« aller Entwürfe der 10. Symphonie. In seiner Arbeit setzt er alle existierenden Skizzen in chronologischer Reihenfolge Schicht für Schicht übereinander und ermöglicht damit den Forschern eine sehr verständliche und größtmögliche Übersicht von Mahlers enigmatisches Werk. Seine Arbeit ist wahrhaft einzigartig in seiner Tragweite und bald werden auch Sie die Freude haben, seine Arbeit zu genießen, sobald diese veröffentlich ist.

Yoel Gamzou, Berlin im Sommer 2010

*
3. Satz:
Purgatorio:
»Todesverkündigung«
«Erbarmen!!«
»O Gott! O Gott! Warum hast du mich verlassen?«
»Dein Wille geschehe!!«

4. Satz:
Anfang:
»Der Teufel Tanzt es mit mir,
Wahnsinn! Fass mich an, Verfluchter!
Vernichte mich, dass ich vergesse, dass ich bin,
dass ich aufhöre, zu sein«
Ende:
»Du allein weisst was es bedeutet.
Ach! Ach! Ach!
Leb‘ wol mein Saitenspiel!
Leb wol, Leb wol, Leb wol,
Ach. Ach.«

5. Satz:
»Für dich leben, für dich sterben«
»Almschi!!!«

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